Aus: Niall Williams, Die Geschichte des Regens

(DVA 2015)  S. 14-17

 

Wir sind die Swains. Ich habe einmal einen Essay gelesen, dessen Verfasser sich darüber beklagte, dass die Namen von Dickens’ Figuren nichts mit der Realität zu tun hätten. Anscheinend wusste er nicht, dass Dickens nachts nicht schlafen konnte. Dass er stattdessen über die Friedhöfe strich. Er wusste nicht, dass Moses Pickwick ein Fuhrmann aus Bath war, dass im Kirchenregister von Chatham die Familie Sowerberry verzeichnet ist oder dass ein gewisser Oliver Twiste in Salford zur Welt gekommen war und ein Mr. Dorrett im Gefängnis von Marshalsea einsaß, zur selben Zeit, als sich auch Dickens senior dort aufhielt. Ich weiß schon: seltsam, dass ich das weiß. Aber wenn man den ganzen Tag im Bett liegt und nur mit Büchern zu tun hat, wird man kaum zum Eins-a-Normalbürger werden, und außerdem haben Swains mit normal sowieso nichts am Hut. Man braucht nur das Telefonbuch für County Clare aufzuschlagen. Bis S vorzublättern. Mit dem Finger an Patrick Swabb, dem hurlingspielenden Apotheker aus Clarecastle, und an Fionnuala Swan vorbeizuwandern, die am Ufer des schwindenden Sees in Tubber wohnt, und dort, kurz vor Sweeney, da sind wir. Der einzige Eintrag zwischen Sweeney und Swan, dem Vogel-König und der letzten Tochter des Lir: Swain. Die Welt ist noch viel absonderlicher als die Fantasie mancher Leute.

 

Persönlich habe ich meinen Urgroßvater nie kennengelernt, doch er ist der Grund, dass der Swain’sche Teil der Familie aus Komischen Käuzen besteht, wie Nan Nonie immer sagt. Mitunter sehe ich ihn, den Reverend, durch den Nebel meines allnächtlichen Nicht-Schlafs hindurch. Auch er kann nicht schlafen und entfernt sich im Stechschritt von einer schattenhaften Kirche, marschiert an einem Friedhof vorbei, dessen Grabsteine schief stehen wie riesige Zähne, der Himmel voll gebleckter Sterne. Er kommt nicht dort an, wo er hinwill. Seine Last besteht in einer hochgradigen Unrast, die ihm nicht erlaubt, sich hinzulegen, und so durchstreift der Reverend die Nacht, während Agnes, sein Lämmchen von einer Frau, am äußersten Rand des gemeinsamen Bettes schläft. Ohne Pause legt er dreißig Kilometer zurück. Ein leises Murmeln entströmt ihm dabei, es mögen Gebete sein. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, wirkt er wie ein Mann, der Anderswo Zu Tun hat, und wer ihm auch begegnet, verlorene Seelen, zerzauste Schatten, niemand wagt es, ihn aufzuhalten. Er hat die Kinnpartie der Swains, energisch nach oben gereckt, den grauen Bartschatten, der ihm, obwohl er sich zwei Mal täglich rasiert, erhalten bleibt wie eine Halbmaske, die er nicht abnehmen kann. Ich sehe ihn an der Eibe im Kirchhof vorbeischreiten. Was er zu tun hat, wohin er geht, um sich ihm zu widmen, und wie genau das dann vor sich geht, das alles bleibt im Mysterium der Ahnen verborgen. Viel weiter lässt er sich nicht folgen. Mitunter werfe ich eine Handvoll Sterne über den Baum und hänge eine Mondsichel auf, doch auch für meinen Mond und meine Sterne hält der Reverend nicht inne. Er schreitet ins Dunkel hinein und ist verschwunden.

            Nur ein ganz schmaler Streifen Urgroßvater.

 

Das Erbteil, das der Reverend unserer Geschichte hinterlässt, ist die Swain’sche Philosophie des Unmöglich Hohen Anspruchs. Im Jahre Achtzehnhundertundfünfundneunzig vermacht er sie mit der Taufe seinem Sohn, er taucht den Knaben in den gewaltigen, eiskalten Namen Abraham und entfernt sich dann gereckten Kinns von dem Gebrüll. Sein Sohn soll streben. Er soll über das Gewöhnliche hinausgreifen und Gott die Großartigkeit Seiner Schöpfung beweisen. So stelle ich mir das vor. Der Grundsatz der Philosophie des Unmöglich Hohen Anspruchs lautet, dass man niemals gut genug sein kann, so sehr man sich auch bemüht. Je weiter man wächst, der Anspruch wächst mit. Man muss Die Seele immer weiter Polieren, ehe man vor Sein Angesicht tritt. So in etwa.

            Und Großvater Abraham machte sich umgehend an die Polierarbeiten. Im Alter von zwölf Jahren, Neunzehnhundertundsieben, war er ein Medaillen-Magnet. Ob Laufen über Einhundert Meter, Zweihundert Meter, ob Weitsprung oder Dreisprung, Großvater war der Mann dafür.

            Und dann entdeckte er den Stabhochsprung.

            In der Knabenschule St. Bartholomew’s (gegründet 1778, Schuldirektor war Thomas Tupping, der durch nichts anderes von sich reden machte als durch acht überzählige Zähne und Lippen, die sich nie ganz schlossen) führte Abraham die Unrast des Reverend zu neuen Höhen: Er preschte mit seiner Lanze die Absprungbahn entlang und schleuderte sich in den Himmel empor.

            Und dort kommt er in meiner Vorstellung auch an, mein verrückter Großvater, ein Klecks von einem Knaben in weißem Turnhemd und kurzen Hosen, kurzes stachliges Haar, blaue Augen, der losstürmt wie ein Ritter auf einen unsichtbaren Feind. Keiner sieht ihm zu. Er ist ganz allein, an einem grauen Nachmittag nach der Schule. Auf den Spielfeldern hocken die Amseln. Das Federn seiner Schritte schwingt im Stab nach. Der ist noch nicht aus Glasfaser, sondern aus Holz. Der Wind muss glauben, der Stab wäre ein Mast und mein Großvater das Segel, zu klein zum Hissen.

            Seine Schritte werden schneller, die Knie heben sich, die Amseln drehen sich um. So kommt er die Bahn aus Asche entlang, schneidig knirschend, ein Mensch am Ende eines Stocks. Den Mund gespitzt, geöffnet, bläst er mit jedem Schritt einen Windton vor sich her, fuu-fuu-fuu, er kündigt sich an, warnt die Luft, dass er kommt. Sein Blick weicht nicht von der Grube aus Beton. Das ist sein Eingang. Der Stab senkt sich, schwankt ein wenig. Ein dumpfes Klack! ist das Letzte, was Großvater auf Erden hört.

            Und da ist er, Abraham im Abflug, seine Seele sprudelt, während er emporsteigt, Schubkraft und Aufstieg in Perfektion vereint, als er in die oberen Luftschichten vordringt. Ein Augenblick nur, dann braucht er den Stab nicht mehr. Er gibt ihn ab. Der Stab fällt zu Boden, ein ferner, doppelter Aufprall auf dem festen Grund dort unten. Die Amseln packt die Angst, sie heben ab und gleiten zum Torraum hinüber. Erstaunen bläut die Augen meines Großvaters. Er ist am Scheitelpunkt eines Dreiecks, ein blasser, schlaksiger Vogel-Mensch. Seine Beine treten Luft, er ist ganz und gar ent-erdet, als er hoch über uns die Latte nimmt. Er erhascht einen schwindelerregenden Schluck des Unmöglichen und überschlägt sich halb am Himmel, fest an die eisengrauen Wolken gepresst, von denen aus Gott ihm doch zusehen muss. Sein Geist verlischt. Sein Körper glaubt, er hätte Flügel, hätte sich in eine andere Daseinsform katapultiert. Abraham Swain ist Dort Oben und Weit Weg, hoch über dem Gewöhnlichen paddelt er durch die Luft, und einen Augenblick lang betet er: Lass mich nie mehr vom Himmel fallen.