Aus: Declan Hughes, Blut von meinem Blut

(Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006), S. 24-27.

 

Nachdem Tommy Owens mich als Faschisten und Psychopathen beschimpft, seine Wunden gesäubert und verarztet, sich den Mund ausgespült und weit von sich gewiesen hatte, dass es auch nur ansatzweise leichtsinnig gewesen sei, mir eine Pistole an die Schläfe zu halten, saß er im Wohnzimmer und machte kurzen Prozess mit meinem zollfreien Laphroaig.
    Das kompakte, schwarze Stück Waffenmetall, das neben der Whiskyflasche auf dem Couchtisch lag, war eine Glock 17. Neben der Glock lag ein Magazin für siebzehn Neun-Millimeter-Patronen. Im Gegensatz zum Laphroaig war das Magazin voll.
    „Wo hast du die Waffe her, Tommy?“, fragte ich zum wiederholten Mal.
    „Ist doch egal. Scheiße Mann, wie’s hier aussieht! Genau wie damals, als ich für deinen Alten gearbeitet hab. Wie lange ist das her, zwanzig Jahre? Mindestens.“
    „Es ist nicht egal, Tommy. Das ist eine Pistole.“
    „Ich meine, Kohle hat deine Alte doch gehabt, oder? So schlecht können die bei Arnott’s nicht gezahlt haben. Und Angestelltenrabatt hat sie sowieso gekriegt. Diese Teppiche und Gardinen, schlimmer als das schlimmste Bed and Breakfast. Und die Heizungen ... nix für ungut, aber die klingen garantiert wie’n Whirlpool, wenn man sie anmacht.“
    Tommy trank aus und griff nach der Flasche. Ich war schneller. Mein Bedarf an Besoffenen war für den Abend gedeckt.
    „Ach komm Mann, ich steh unter Schock, und du bist Schuld.“ Das ‚Mann’ war unbetont, wie hier üblich. Seit einer Ewigkeit hatte ich das nicht mehr gehört.
    „Tommy, du sagst mir jetzt, wo die Pistole her ist, sonst rufe ich Dave Donnelly an und frage ihn, ob du einen Waffenschein hast.“
    Tommy grinste höhnisch, was zusammen mit den schmalen Augen und dem zottigen Ziegenbärtchen sein wieselhaftes Aussehen noch verstärkte.
    „Ich hab euch zwei heute vor der Kirche gesehen. Wusste gar nicht, dass du so dick mit den Bullen bist. Detective Sergeant Donnelly.“
    „Er hat mir sein Beileid ausgesprochen, Tommy. Kann man von dir nicht behaupten.“
    „Kirche pack ich nicht, Mann, ich halt das ganze Theater nicht aus. Aber ich war da, ich hab euch allen zugeguckt. Heute Nachmittag war ich auch am Grab.“
    „Ach ja? Warum bist du dann nicht ins Bayview gekommen?“
    „In’n Hotel? Hotels pack ich nicht, Mann. Kirchen, Hotels – vergiss es.“
    So war Tommy schon immer gewesen. Alles, was ihm bürgerlich vorkam, was Leute ansprach, die er vermutlich immer noch als „Normalos“ bezeichnete, oder was auch nur ansatzweise mit dem üblichen Lauf der Welt konform ging, damit wollte Tommy nichts zu tun haben. Das betraf nicht nur Hotels und Kirchen, sondern auch Supermärkte, Clubs, Restaurants, Pubs – mit Ausnahme vom Hennessy’s – und Cafés. Als er mich, nachdem seine Ehe gescheitert war, in L.A. besucht hatte, wollte er nirgendwohin, außer in eine illegale Spelunke in Culver City, die sich vor allem durch zwei Dinge auszeichnete: Erstens waren wir die einzigen Weißen dort, und zweitens waren in den neun Wochen ihres Bestehens bereits fünf Morde geschehen – und das waren nur die, von denen ich wusste.
    „Tut mir aber echt Leid, Ed. War lieb, deine Mum. Eine richtige Dame.“
    „Die Pistole, Tommy.“
    „Ja, wollt ich dir eh erzählen, Mann. Ich dachte nämlich, du kannst vielleicht ... na ja ... für mich drauf aufpassen.“
    „Was? Bist du total übergeschnappt?“
    „Ich will ja nur, dass du sie ein paar Wochen irgendwo versteckst, bis der ganze Aufstand vorbei ist.“
    „Was für ein Aufstand? Tommy. Wo – hast – du – die – Waffe – her?“
    „Das ist so ... ich hab nen Job erledigt ... für die Halligans. Ich weiß, ich weiß, aber es war nichts, nur’n paar ... Kurierdienste, kann man sagen. Ein Päckchen in Birmingham abholen und hierher bringen, die Nummer.“
    Ich musste an einen Spruch aus meiner Kindheit denken. Wahrscheinlich hatte ich ihn sogar, wie so vieles, zum ersten Mal von Tommy Owens gehört: „Ich bin zwar blöd, aber so blöd auch wieder nicht.“ Ich saß da, sah zu, wie Tommy sich Whisky nachgoss, und während er trank, fragte ich mich, wie blöd man eigentlich sein musste, um sich mit den Halligans einzulassen.
    Tommy musste mir meine Gedanken angesehen haben. „Weißt du Mann, die sind gar nicht mehr so schlimm. Leo schon, Leo ist dasselbe Viech wie immer, aber der sitzt im Knast, und alle hoffen, dass er da verrottet, sogar seine Brüder. Und Podge ist halt Podge, was soll man machen. Aber George ist in Ordnung, weißt du?“
    „George Halligan ist in Ordnung? Derselbe George Halligan, der dir damals den Knöchel zertrampelt hat?“
    „Mann, ist doch ewig her. Wir waren noch Kinder. Ich hab ihm immerhin sein Fahrrad geklaut. Aber die Drogen sind reines Business. Ich meine, wenn die Leute Koks oder Ecstasy oder sonst was nehmen wollen, dann tun sie’s, diese Spießer ...“ – immer noch beeindruckend, wie viel Abscheu Tommy in dieses Wort legen konnte – „ ... egal, wer. Alles Angebot und Nachfrage, genau wie ... wie wenn du Alkohol verkaufst.“
    „Nur wird man, wenn man Alkohol verkauft, nicht automatisch zum Krüppel geschlagen oder umgebracht.“
    Tommy trank sein Glas aus, verzog das Gesicht und sagte: „Ich weiß, das ist ja das Blöde, darum muss ich auch die Knarre bei dir parken.“